Die intraligamentäre Anästhesie betäubt einen einzelnen Zahn, ohne Lippe, Zunge und Wange mit auszuschalten. Für Präparationen an einzelnen Zähnen, für Extraktionen im Unterkieferseitenzahnbereich und für Behandlungen in mehreren Quadranten in einer Sitzung ist sie eine ernsthafte Alternative zur Leitungsanästhesie. Dieser Artikel zeigt, was Studien zur Wirksamkeit sagen, wie Sie technisch vorgehen, welche Angaben die Fachinformation macht und wo die Methode an ihre Grenzen stößt.
Was die intraligamentäre Anästhesie (ILA) ist
Bei der intraligamentären Anästhesie (ILA) wird das Lokalanästhetikum über den Sulkus in den Desmodontalspalt injiziert. Von dort verteilt es sich in den spongiösen Alveolarknochen um die Wurzel und erreicht die Nervenfasern des Zahnes. Die Lösung muss gegen einen erheblichen Gewebewiderstand eingebracht werden. Nach Luhrenberg und Mitarbeitern (2025) ist der Widerstand im Desmodont etwa viermal so hoch wie am Gaumen und rund dreißigmal so hoch wie in der vestibulären Schleimhaut. Deshalb werden spezielle Spritzensysteme empfohlen.
Die Methode ist nicht neu. Endo, Gabka und Taubenheim (2008) beschreiben, dass sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich bekannt war, sich aber wegen fehlender geeigneter Instrumente nicht durchsetzte. Erst Spritzen mit Dosierhebel oder Dosierrad und passende kurze Kanülen machten die Technik kontrollierbar.
Wirksamkeit: Was Studien zur intraligamentären Anästhesie zeigen
ILA im Vergleich zur Leitungsanästhesie
Shabazfar und Mitarbeiter (2014) haben in einer Metaanalyse sieben Studien zum Vergleich von ILA und Leitungsanästhesie des N. alveolaris inferior ausgewertet. Bei Versagerrate und Nachinjektionen gab es keinen signifikanten Unterschied. Kardiovaskuläre Reaktionen traten nach Leitungsanästhesie signifikant häufiger auf, der Injektionsschmerz war bei der ILA tendenziell geringer. Die Latenzzeit lag bei der Leitungsanästhesie über 3 Minuten, bei der ILA praktisch bei null. Die Wirkdauer war bei der Leitungsanästhesie länger. Die Autoren weisen allerdings auf methodische Schwächen der eingeschlossenen Studien hin.
Kämmerer und Mitarbeiter (2018) haben in einer prospektiven Studie 301 Unterkieferseitenzähne extrahiert, teils mit ILA, teils mit Leitungsanästhesie. Die ILA war beim Einstich weniger schmerzhaft, wirkte schneller, hielt kürzer an und benötigte weniger Lösung. Die Anästhesiequalität war vergleichbar, ebenso der Schmerz während der Extraktion, die Zahl der Nachinjektionen und die Häufigkeit einer Alveolitis.
ILA im Vergleich zur Infiltrationsanästhesie
Pan und Mitarbeiter (2023) fanden in einer Metaanalyse aus sieben randomisierten Studien keinen Unterschied in der Erfolgsrate zwischen ILA und Infiltrationsanästhesie. Der Injektionsschmerz war bei der ILA allerdings höher.
ILA als Ergänzung nach versagter Leitungsanästhesie
Bei irreversibler Pulpitis im Unterkiefer reicht die Leitungsanästhesie oft nicht aus. Kanaa und Mitarbeiter (2012) haben bei 182 Patienten verschiedene Zusatzinjektionen verglichen. Eine bukkale Infiltration mit 4 % Articain mit Adrenalin ermöglichte in 84 % eine schmerzfreie Behandlung, eine intraossäre Injektion in 68 %, die intraligamentäre Injektion mit Lidocain in 48 % und eine wiederholte Leitungsanästhesie in 32 %. Nach dieser Studie ist die ILA für den heißen Zahn im Unterkiefer nicht die erste Wahl als Ergänzung.
Meechan (1992) kam in einer Übersicht zu dem Schluss, dass die ILA einen festen Platz in der dentalen Lokalanästhesie hat, aber nicht alle Anforderungen an eine primäre Technik erfüllt. Neuere Studien wie die Extraktionsstudie von Kämmerer und Mitarbeitern kommen zu dem Schluss, dass die ILA für Routineeingriffe wie Extraktionen empfohlen werden kann.
Indikationen und Vorteile in der Praxis
Aus den Studien ergeben sich folgende typische Einsatzbereiche:
- Restaurative Eingriffe an einzelnen Zähnen, zum Beispiel Füllungen, Kronen- oder Teilkronenpräparationen.
- Extraktionen von Unterkieferseitenzähnen als Alternative zur Leitungsanästhesie.
- Behandlungen an Zähnen in verschiedenen Quadranten in einer Sitzung, ohne beidseitige Leitungsanästhesie.
- Patienten, bei denen ein langes Taubheitsgefühl stört, etwa wegen beruflicher Termine.
- Kinder: Eine Metaanalyse von Salerno und Mitarbeitern (2026) fand keinen signifikanten Unterschied im Schmerzempfinden zwischen ILA und Leitungsanästhesie; Lippenbissverletzungen traten nach Leitungsanästhesie häufiger auf. Beachten Sie, dass die aktuelle Fachinformation von Ultracain D-S und D-S forte die Anwendung erst ab 4 Jahren (oder ab 20 kg Körpergewicht) vorsieht.
Der praktische Vorteil liegt vor allem im sofortigen Wirkungseintritt und in der kurzen Wirkdauer. Bei der Präparation für eine keramikgerechte Krone oder eine Teilkrone mit Tabletop-Design können Sie ohne Wartezeit beginnen, und der Patient verlässt die Praxis ohne taube Zunge.
Technik der intraligamentären Anästhesie Schritt für Schritt
Instrumentarium
Für die ILA stehen drei Gruppen von Spritzensystemen zur Verfügung: Pistolenspritzen, Spritzen mit Dosierhebel oder Dosierrad und computergesteuerte Systeme. Dosierhebel- und Dosierradspritzen lassen den Behandler den Gegendruck des Gewebes spüren, was eine gleichmäßige Injektion ermöglicht (Endo et al. 2008). Kämmerer und Mitarbeiter (2015) fanden bei Studierenden mit einer mechanischen Druckspritze und einem computergesteuerten System eine vergleichbare Anästhesiewirkung. In der Lernkurvenstudie von Luhrenberg und Mitarbeitern (2025) war das computergesteuerte System in der ersten Sitzung erfolgreicher, in der zweiten Sitzung glichen sich die Systeme an. Mit Übung führen also mehrere Systeme zum Ziel.
Auch die Kanüle zählt. Kämmerer und Mitarbeiter (2024) haben zwei Anschliffformen verglichen: Nach Einzelanwendung waren die Erfolgsraten ähnlich (82 % gegenüber 79 %). Bei wiederholter Verwendung schnitt der kurze Dreifacettenschliff mit 80 % gegenüber 69 % signifikant besser ab, und die Kanülenspitzen verformten sich weniger. Mechanische Verformungen fanden sich an 97,5 % aller Kanülen.
Ablauf
- Anamnese prüfen, insbesondere Herzerkrankungen und Endokarditisrisiko (siehe unten), sowie die Gegenanzeigen des Lokalanästhetikums laut Fachinformation.
- Einstichstelle mit einem Oberflächenanästhetikum vorbereiten. In einer kleinen Probandenstudie von Meechan und Thomason (1999) war die intraligamentäre Injektion nach einer Lidocain-Prilocain-Creme weniger unangenehm als nach 5%iger Lidocainsalbe; die Wahl des Oberflächenanästhetikums spielt also eine Rolle.
- Die kurze, dünne Kanüle (in der Regel 30 Gauge) entlang der Wurzeloberfläche durch den Sulkus in den Desmodontalspalt führen, bis sie fest sitzt.
- Pro Wurzel etwa 0,2 ml Lösung langsam injizieren (Luhrenberg et al. 2025). In der genannten Studie wurde an Prämolaren je eine Injektion mesial und distal gesetzt.
- Gegen den spürbaren Widerstand gleichmäßig arbeiten, ohne den Druck zu erzwingen. Die Fachinformation fordert generell, den Injektionsdruck der Empfindlichkeit des Gewebes anzupassen.
- Wirkung sofort prüfen, zum Beispiel mit Kältetest, und dann ohne Wartezeit mit der Behandlung beginnen.
Welches Lokalanästhetikum: Angaben der Fachinformation
In der Studie von Luhrenberg und Mitarbeitern kam Ultracain D-S (Articain 40 mg/ml mit Adrenalin 1:200.000) zum Einsatz. Die aktuelle Fachinformation von Ultracain D-S und Ultracain D-S forte (Stand September 2024) nennt als Art der Anwendung die Infiltration und die perineurale Anwendung in der Mundhöhle; eigene Angaben zur ILA oder Dosierangaben pro Wurzel enthält sie nicht. Folgende Angaben gelten unabhängig von der Technik:
| Angabe | Inhalt laut Fachinformation (Stand September 2024) |
|---|---|
| Höchstdosis Erwachsene und Jugendliche (12 bis 18 Jahre) | bis zu 7 mg Articain pro kg Körpergewicht; unter Aspirationskontrolle wurden bis zu 500 mg (12,5 ml) gut vertragen |
| Kinder (4 bis 11 Jahre) | Höchstdosis 7 mg Articain pro kg Körpergewicht, absolute Höchstdosis 385 mg (gesundes Kind mit 55 kg); Anwendung ab 4 Jahren oder ab 20 kg; Sicherheit unter 4 Jahren nicht erwiesen |
| Gegenanzeigen allgemein | Überempfindlichkeit gegen Articain oder andere Amid-Lokalanästhetika, Epinephrin, Natriummetabisulfit oder sonstige Bestandteile; unzureichend behandelte Epilepsie; Bronchialasthma mit Sulfitüberempfindlichkeit; intravenöse Anwendung |
| Gegenanzeigen wegen Articain | schwere Reizbildungs- oder Reizleitungsstörungen (z. B. AV-Block II. oder III. Grades, ausgeprägte Bradykardie), akute dekompensierte Herzinsuffizienz, schwere Hypotonie |
| Gegenanzeigen wegen Epinephrin | Engwinkelglaukom, Schilddrüsenüberfunktion, paroxysmale Tachykardie oder hochfrequente absolute Arrhythmien, Myokardinfarkt in den letzten 3 bis 6 Monaten, Koronararterien-Bypass in den letzten 3 Monaten, nicht kardioselektive Betablocker (z. B. Propranolol), Phäochromozytom, schwere Hypertonie, gleichzeitige Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva oder MAO-Hemmern (bis 14 Tage nach Ende einer MAO-Hemmer-Therapie) |
Weil bei der ILA pro Zahn nur wenige Zehntel Milliliter gebraucht werden, bleibt die Gesamtdosis meist weit unter der Höchstdosis. Die Gegenanzeigen der Fachinformation gelten trotzdem vollständig, denn das Präparat ist dasselbe.
Nebenwirkungen und Risiken
Lokale Reaktionen
In der Studie von Luhrenberg und Mitarbeitern traten in 10,9 % aller Anwendungen unerwünschte Wirkungen auf. Am häufigsten waren Schmerzen durch eine leichte Entzündung um den behandelten Zahn, gefolgt von einem Elongationsgefühl und einer reversiblen Verfärbung der Papille. Galili und Mitarbeiter (1984) fanden in einer histologischen Studie an Pavianen nach Injektion unter hohem Druck nur lokale, geringe und reversible Schäden am Parodont; in den meisten Präparaten waren sie nach 8 Tagen verschwunden, Knochen- oder Zementschäden traten nicht auf.
Bakteriämie und Endokarditisrisiko
Weil die Kanüle durch den Sulkus geführt wird, können Bakterien in das Gewebe und in die Blutbahn gelangen. Roberts und Mitarbeiter (1998) haben bei 143 Kindern unter Allgemeinanästhesie Blutkulturen 30 Sekunden nach der Injektion entnommen. Eine Bakteriämie fand sich bei 8 % ohne Manipulation (Ausgangswert, Untergruppe von 50 Kindern), bei 16 % nach bukkaler Infiltration, bei 50 % nach einer modifizierten und bei 97 % nach konventioneller intraligamentärer Injektion.
Die ESC-Leitlinie zur Endokarditis (2023) empfiehlt eine Antibiotikaprophylaxe bei Patienten mit hohem Endokarditisrisiko, die sich zahnärztlichen Risikoeingriffen unterziehen; in anderen Situationen empfiehlt sie keine Prophylaxe. Als Risikoeingriffe nennt sie Extraktionen, oralchirurgische Eingriffe (einschließlich Parodontalchirurgie, Implantatchirurgie und Biopsien) sowie Eingriffe mit Manipulation der Gingiva oder der periapikalen Region (einschließlich Scaling und Wurzelkanalbehandlung). Lokalanästhesie-Injektionen, auch die ILA, werden in der Leitlinie nicht eigens behandelt. Ob eine Prophylaxe angezeigt ist, entscheiden Sie nach der Leitlinie anhand des Patientenrisikos und des geplanten Eingriffs. Die bukkale Infiltration löste in der Studie von Roberts und Mitarbeitern deutlich seltener eine Bakteriämie aus als die konventionelle ILA.
Grenzen der intraligamentären Anästhesie
Die ILA ist kein Ersatz für jede Situation. Aus der Studienlage ergeben sich folgende Grenzen:
- Kurze Wirkdauer: Für lange Sitzungen müssen Sie nachinjizieren oder eine andere Technik wählen.
- Akute irreversible Pulpitis im Unterkiefer: Als Ergänzung zur Leitungsanästhesie ist die bukkale Articain-Infiltration erfolgreicher.
- Ausgedehnte chirurgische Eingriffe, Eingriffe an Schleimhaut und Knochen: Hier sind Infiltration oder Leitungsanästhesie mit größerem Wirkgebiet sinnvoller.
- Entzündetes Gewebe am Einstichort: Die Fachinformation rät von einer Injektion in entzündetes oder infiziertes Gebiet ab.
- Hohes Endokarditisrisiko: Die ILA löst häufig eine Bakteriämie aus (siehe oben); maßgeblich für die Prophylaxe ist die ESC-Leitlinie.
Für die Präparation und das anschließende Gewebemanagement mit Retraktionsfaden ist es hilfreich, wenn auch die Papillen betäubt sind. Ob dafür die ILA reicht oder zusätzlich infiltriert werden muss, hängt von der Ausdehnung des Eingriffs ab.
Fazit
Die intraligamentäre Anästhesie wirkt sofort, braucht wenig Lösung, betäubt nur den behandelten Zahn und ist bei Extraktionen und Einzelzahnbehandlungen im Unterkieferseitenzahnbereich nach aktueller Studienlage ähnlich wirksam wie die Leitungsanästhesie. Entscheidend sind ein geeignetes Spritzensystem, eine kurze, dünne Kanüle, etwa 0,2 ml pro Wurzel und eine langsame Injektion. Grenzen setzen die kurze Wirkdauer, die akute Pulpitis und die hohe Bakteriämierate bei Patienten mit Endokarditisrisiko. Wie Lokalanästhesie, Präparation und Gewebemanagement in der prothetischen Praxis zusammenspielen, wird in der Fortbildung Prothetische Zahnmedizin in Gauting praktisch geübt.
Häufige Fragen
Wie viel Anästhetikum braucht man bei der intraligamentären Anästhesie?
In Studien werden etwa 0,2 ml Lösung pro Wurzel injiziert, bei mehrwurzeligen Zähnen also mesial und distal je etwa 0,2 ml. Das ist deutlich weniger als bei einer Leitungsanästhesie, wie die prospektive Studie von Kämmerer und Mitarbeitern zeigt. Die Höchstdosis aus der Fachinformation, beim Erwachsenen bis zu 7 mg Articain pro kg Körpergewicht, gilt trotzdem.
Wie lange hält die intraligamentäre Anästhesie?
Die Wirkung setzt praktisch sofort ein und hält kürzer an als eine Leitungsanästhesie. Das bestätigen sowohl die Metaanalyse von Shabazfar und Mitarbeitern als auch die Extraktionsstudie von Kämmerer und Mitarbeitern. Für längere Behandlungen ist eine Nachinjektion möglich. Für sehr lange Sitzungen oder größere chirurgische Eingriffe ist eine Technik mit längerer Wirkdauer sinnvoller.
Ist die intraligamentäre Anästhesie schmerzhaft?
Der Einstich ist im Vergleich zur Leitungsanästhesie meist weniger schmerzhaft, im Vergleich zur Infiltrationsanästhesie jedoch eher unangenehmer, wie eine Metaanalyse zeigt. Ein geeignetes Oberflächenanästhetikum an der Einstichstelle, eine dünne kurze Kanüle und eine langsame Injektion gegen den spürbaren Widerstand können die Beschwerden mindern. In einer Lernkurvenstudie sank der Einstichschmerz mit zunehmender Übung.
Kann man mit intraligamentärer Anästhesie im Unterkiefer extrahieren?
Ja. In einer prospektiven Studie mit 301 Unterkieferseitenzähnen war die Anästhesiequalität bei Extraktionen mit ILA vergleichbar mit der Leitungsanästhesie. Die ILA wirkte schneller, war beim Einstich weniger schmerzhaft und benötigte weniger Lösung. Schmerz während der Extraktion, Nachinjektionen und Alveolitis unterschieden sich nicht signifikant.
Wann sollte man auf die intraligamentäre Anästhesie verzichten?
Bei Patienten mit hohem Endokarditisrisiko ist zu bedenken, dass die konventionelle ILA in einer Studie bei 97 % der Kinder eine Bakteriämie auslöste; für die Prophylaxe gilt die ESC-Leitlinie. Ungeeignet ist die ILA außerdem bei Entzündung oder Infektion am Einstichort, bei langen chirurgischen Eingriffen und als Zusatzinjektion bei akuter irreversibler Pulpitis im Unterkiefer, wo die bukkale Articain-Infiltration erfolgreicher ist. Die Gegenanzeigen laut Fachinformation gelten unverändert.



