Das Dahl-Prinzip löst ein typisches Problem bei lokalem Frontzahnverschleiß: Die Zähne sind palatinal abgetragen, aber durch Nachwachsen fehlt jeder Millimeter Platz für eine Restauration. Statt die geschwächten Zähne weiter zu kürzen oder das ganze Gebiss zu heben, versorgen Sie nur die Front in Supraokklusion und lassen die Zähne den Platz selbst schaffen. Dieser Beitrag erklärt, wie die lokale Bisshebung wirkt, für welche Patienten sie passt, wo ihre Grenzen liegen und wie Dr. Hajtó dabei vorgeht.
Was das Dahl-Prinzip beschreibt
Poyser et al. (2005) definieren das Dahl-Prinzip als relative axiale Zahnbewegung, die eintritt, wenn eine lokale Apparatur oder lokale Restaurationen in Supraokklusion eingesetzt werden und sich die Kontakte im übrigen Zahnbogen mit der Zeit wieder einstellen. Die Zähne unter der Erhöhung werden intrudiert, die diskludierten Zähne extrudieren, bis der Patient wieder auf allen Zähnen schließt. Ray-Chaudhuri et al. (2023) beschreiben das Geschehen als Dreiklang aus Intrusion, Extrusion und einer Distalisierung des Unterkiefers.
Der Vorteil ist der Substanzerhalt. Die palatinalen Flächen verschlissener Frontzähne sind oft schon bis ins Dentin abgetragen. Jede weitere Präparation für Kronen schwächt sie zusätzlich und gefährdet die Pulpa. Mit dem Dahl-Prinzip bekommen Sie den Platz additiv, und die Seitenzähne bleiben unberührt.
Von der Metallschiene zum Kompositaufbau
Dahl, Krogstad und Karlsen beschrieben 1975 eine kombiniert kieferorthopädisch-prothetische Behandlung bei fortgeschrittener lokaler Attrition. Der beschriebene Patient war 18 Jahre alt und trug eine herausnehmbare Klammerapparatur aus Chrom-Kobalt im Oberkiefer rund um die Uhr. Tantalmarker im basalen Knochen von Ober- und Unterkiefer und Fernröntgenseitenbilder machten die Zahnbewegung messbar. Nach zwölf Monaten war genug Platz für palatinale Goldpinlays an den oberen Frontzähnen.
Heute ersetzen adhäsiv befestigte Aufbauten die herausnehmbare Apparatur. Poyser et al. halten direktes Komposit für das ideale Material dafür: preiswert, adhäsiv, robust und jederzeit veränderbar. Mit festsitzenden Aufbauten entfällt außerdem der häufigste Grund für ein Scheitern der Platzgewinnung bei herausnehmbaren Apparaturen, die mangelnde Tragedisziplin.
Was die Studien von Dahl und Krogstad zeigen
Die Arbeitsgruppe hat das Prinzip in einer Serie von Studien an Erwachsenen untersucht:
- 1982: 20 Patienten zwischen 18 und 50 Jahren mit pathologischer Attrition der Frontzähne trugen eine partielle Chrom-Kobalt-Schiene auf den Palatinalflächen der sechs oberen Frontzähne. Nach 6 bis 14 Monaten waren die Frontzähne im Mittel um 1,05 mm intrudiert, die übrigen Zähne um 1,47 mm extrudiert. Bei den jüngsten Patienten überwog die Extrusion. Typische CMD-Symptome traten nicht auf, als schwerwiegendste Beschwerde nannten die Patienten Lispeln.
- 1983: Eine Auswertung der Inklination zeigte, dass es sich um echte Intrusion der Frontzähne handelte und nicht nur um eine Änderung ihrer Achsenneigung.
- 1985: Nach Schiene und Überkronung lag die Bisserhöhung im Mittel bei 1,9 mm. Über durchschnittlich 5,5 Jahre ging ein Teil davon verloren, vor allem in den ersten sechs Monaten nach dem Zementieren. In keinem Fall kehrte die Gesichtshöhe aber zum Ausgangswert zurück, und bei 12 von 19 Patienten blieben die vertikalen Verhältnisse zwischen dem 6. und dem 67. Monat praktisch stabil.
Wie sich die Zähne bewegen
Nach der Literaturübersicht von Poyser et al. entsteht der Platz etwa zu 40 % durch Intrusion der Frontzähne und zu 60 % durch Extrusion der Seitenzähne. Die Seitenzähne kommen zuerst an den letzten Molaren wieder in Kontakt, danach schrittweise weiter vorne. Im Mittel ist die Okklusion nach etwa sechs Monaten wieder geschlossen, es kann aber 18 bis 24 Monate dauern.
Eine neuere Messung mit überlagerten 3D-Modellen bestätigt das Muster. Bhai et al. (2023) fanden bei 26 Patienten 56,9 % extrusive Bewegungen der Seitenzähne und 43,1 % intrusive Bewegungen der Frontzähne, mit Raten von 0,13 und 0,11 mm pro Monat. Bis zum Schluss der Okklusion vergingen 3,9 bis 28,2 Monate; Bewegung trat unabhängig von Alter und Geschlecht auf.
Dr. Hajtó beobachtet in seinen Fällen dasselbe: Die Extrusion im Seitenzahnbereich überwiegt, die zweiten Molaren bewegen sich am schnellsten, und auch die Front intrudiert. Der Eckzahn bleibt der Ankerpunkt und verändert seine Position nicht. Knochen und Gingiva folgen der Zahnbewegung. Je jünger der Patient, desto schneller schließt sich der Biss.
Fortbildung Komposit
Ästhetische Kompositrestaurationen Schritt für Schritt am Modell.
Zum Komposit-KursFür wen das Dahl-Prinzip passt
Klassische Indikation ist der lokal begrenzte Verschleiß der oberen oder unteren Frontzähne bei stabiler Seitenzahnokklusion, etwa durch Erosion bei Reflux oder durch Attrition. Typisch sind palatinal abgetragene obere Schneidezähne bei tiefem Biss, bei denen für eine Restauration kein Platz bleibt. Magne et al. (2007) kombinieren in solchen Fällen palatinale Kompositaufbauten, eine Registrierung in zentrischer Kondylenposition und das Dahl-Prinzip, um Platz zu gewinnen und die palatinale Präparation zu minimieren.
Das Prinzip funktioniert auch an anderer Stelle: bei elongierten Zähnen nach Verlust des Antagonisten, bei verloren gegangenem Platz nach dezementierter Krone und bei Klebebrücken, deren Flügel in Supraokklusion eingesetzt werden (Poyser et al. 2005; Ray-Chaudhuri et al. 2023). Für lokalen Verschleiß an den Seitenzähnen gibt es inzwischen eine Fallserie zum posterioren Dahl-Konzept (Hoekstra-van Hout et al. 2023).
Wann Sie es nicht anwenden
Dr. Hajtó setzt das Dahl-Prinzip nicht ein bei:
- Kiefergelenksproblemen: Eine laufende CMD-Symptomatik wird zuerst diagnostiziert und reversibel behandelt.
- Zungendysfunktion: Eine Zunge, die sich zwischen die Zahnreihen legt, kann die Extrusion der Seitenzähne behindern.
- zu viel Höhe auf einmal: Mehr als etwa 2 mm sollten Sie nicht in einem Schritt anheben, sonst droht eine Zungeninterposition im offenen Seitenzahnbereich.
Ray-Chaudhuri et al. (2023) nennen als allgemeine Einflussfaktoren außerdem Alter, Anpassungsfähigkeit der Okklusion, skelettales und inzisales Muster, CMD-Anamnese, Parafunktionen und einen veränderten Knochenstoffwechsel. Lokal sind Retainer und Schienen, Implantate und festsitzender Zahnersatz, der Parodontalzustand sowie Wahl, Material und Stärke der Restauration zu bedenken. Implantate in den diskludierten Segmenten extrudieren nicht. Bei aktiver Parodontitis raten Poyser et al., die Behandlung bis zur Stabilisierung aufzuschieben.
So gehen Sie klinisch vor
- Befund und Dokumentation: Fotos, auch von palatinal, Taschenmessung, Panoramaschichtaufnahme, T-Scan und 3D-Scans oder Modelle als Ausgangsbefund, bei Bedarf ein Fernröntgenseitenbild. Mit denselben Unterlagen vergleichen Sie später das Ergebnis.
- Funktion prüfen: Kiefergelenke, Muskulatur und Zungenfunktion müssen unauffällig sein. Ein kurzer Funktionsbefund gehört vor jede Bisslageveränderung.
- Aufbauten planen: Die Höhe richtet sich nach dem nötigen Restaurationsplatz, höchstens etwa 2 mm auf einmal. Bauen Sie keinen dorsalen Vektor ein: Die Aufbauten dürfen den Unterkiefer nicht nach hinten drängen. Die Kontaktflächen sollten die Kräfte möglichst entlang der Zahnachse leiten.
- Aufbauten adhäsiv befestigen: Direktes Komposit oder laborgefertigte Aufbauten; die Nachbarzähne schützen Sie beim Kleben mit Teflonband oder Metallmatrize.
- Approximalkontakte der Seitenzähne prüfen: Prüfen Sie vor dem Aufbau die Approximalkontakte der Seitenzähne, damit sich die Zähne beim Extrudieren nicht gegenseitig verhaken („Locking“).
- Patienten aufklären: Anfangs fühlt sich der Biss ungewohnt an, feines Kauen fällt schwer, und zeitweise kann Lispeln auftreten. Poyser et al. betonen, dass Patienten das vorher wissen müssen.
- Kontrollieren: In regelmäßigen Abständen prüfen Sie mit Okklusionsfolie und Shimstock, welche Seitenzähne wieder Kontakt haben, und vergleichen Scans mit dem Ausgangsbefund.
- Abschließen: Ist die Okklusion geschlossen, prüfen Sie Front- und Eckzahnführung und justieren die Aufbauten. Die palatinalen Plateaus werden danach nicht entfernt, sie bleiben Teil der Versorgung.
Ein- oder zweizeitig?
Poyser et al. unterscheiden zwei Wege. Einzeitig setzen Sie die definitiven Laborrestaurationen direkt in Supraokklusion. Weil sich die Endokklusion nicht genau vorhersagen lässt, müssen Sie danach oft einschleifen, was Keramik schwächen kann. Zweizeitig schaffen Sie den Platz zuerst mit direktem Komposit und fertigen die definitiven Restaurationen erst, wenn sich die Okklusion eingestellt hat. Diesen Weg empfehlen die Autoren, sobald präpariert wird oder Laborrestaurationen geplant sind. In vielen Fällen bleibt das Komposit selbst als mittelfristig definitive Versorgung im Mund.
Was die klinischen Daten zeigen
| Studie | Versorgung | Ergebnis |
|---|---|---|
| Hemmings et al. 2000: 16 Patienten, 104 Restaurationen | direktes Komposit in erhöhter Vertikale | Seitenzahnkontakte nach im Mittel 4,6 Monaten wiederhergestellt, Erfolgsrate 89,4 % nach 30 Monaten |
| Gulamali et al. 2011: 26 Patienten, 283 Restaurationen | Komposit als festsitzende Dahl-Apparatur | mediane Überlebenszeit 5,8 Jahre bei Berücksichtigung aller Misserfolge, biologische Komplikationen selten |
| Al-Khayatt et al. 2013: 15 Patienten, 107 Restaurationen | direktes Komposit an unteren Frontzähnen | etwa 85 % Überleben nach 7 Jahren, keine Komplikationen an Zähnen, Parodont oder Kiefergelenk |
| Fan et al. 2026: Metaanalyse, 11 Studien | festsitzende Dahl-Restaurationen | vollständiger Okklusionsschluss 86,9 %, teilweise 10,0 %, keiner 0,6 %; jährliche Misserfolgsrate direkter Materialien 0 bis 8,7 % |
| Lempel et al. 2026: 26 Patienten, 156 Zähne | palatinale Kompositveneers plus labiale Lithiumdisilikat-Veneers | Überleben 92,3 % palatinal und 98,1 % labial nach bis zu 8 Jahren |
Zwei Punkte gehören zur ehrlichen Einordnung. Erstens verschleißen Kompositaufbauten, brechen oder verfärben sich am Rand; Reparaturen gehören zum Konzept. Zweitens ist die Evidenz überwiegend niedrig. Goldstein und Campbell (2022) kommen in ihrem Konsensuspapier zu dem Schluss, dass Fallserien den Platzgewinn zwar zeigen, es für den Mechanismus aber keine überzeugende und für die Langzeitstabilität keine Evidenz gibt; auch ungünstige Verläufe wurden berichtet. In der Fallserie zum posterioren Dahl-Konzept (Hoekstra-van Hout et al. 2023) blieb bei einem von neun Patienten die Kompensation aus und in den unbehandelten Bereichen blieb ein vertikal offener Biss bestehen. Planen Sie daher immer mit, was Sie tun, falls sich die Okklusion nicht vollständig schließt.
Wenn der Verschleiß nicht lokal, sondern generalisiert ist, reicht das Dahl-Prinzip nicht aus. Dann planen Sie eine Bisshebung im gesamten Gebiss; die Diagnostik bei starkem Zahnhartsubstanzverlust beschreibt der Beitrag zum Abrasionsgebiss.
Fazit
Das Dahl-Prinzip schafft Platz für Frontzahnrestaurationen durch Intrusion der Front und Extrusion der Seitenzähne, ohne gesunde Zahnsubstanz zu opfern. Es eignet sich für lokal begrenzten Verschleiß bei gesunden Kiefergelenken und normaler Zungenfunktion, mit Anhebungen von höchstens etwa 2 mm pro Schritt. Gute Dokumentation, saubere Aufbauten ohne dorsalen Vektor und regelmäßige Kontrollen machen das Ergebnis vorhersagbar. Wie Sie lokale und generalisierte Bisshebungen planen und umsetzen, lernen Sie im Kurs Bisshebung und Bisslageveränderung.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, bis sich der Biss nach dem Dahl-Prinzip schließt?
Im Mittel stellen sich die Seitenzahnkontakte nach etwa sechs Monaten wieder ein, in einzelnen Fällen dauert es 18 bis 24 Monate. In einer 3D-Messstudie lag die Spanne zwischen 3,9 und 28,2 Monaten. Jüngere Patienten reagieren schneller. Die letzten Molaren kommen in der Regel zuerst wieder in Kontakt, danach folgen schrittweise die weiter vorne liegenden Zähne.
Wie viel Millimeter kann man mit dem Dahl-Prinzip gewinnen?
Dr. Hajtó hebt nicht mehr als etwa 2 mm auf einmal an, weil sich bei größeren Sprüngen die Zunge in den offenen Seitenzahnbereich legen und die Extrusion behindern kann. In der Langzeitstudie von Dahl und Krogstad lag die erreichte Bisserhöhung im Mittel bei 1,9 mm und kehrte in keinem Fall zum Ausgangswert zurück.
Ist das Dahl-Prinzip für CMD-Patienten geeignet?
Bei bestehenden Kiefergelenksproblemen wird es nicht angewendet. Zuerst stehen Diagnostik und eine reversible Schienentherapie. In den Studien zum Dahl-Prinzip traten neue Funktionsstörungen selten auf und waren meist vorübergehend. Dahl und Krogstad beobachteten bei ihren 20 Patienten keine typischen Dysfunktionssymptome; als schwerwiegendste Beschwerde wurde Lispeln genannt.
Welches Material eignet sich für Dahl-Aufbauten?
Am häufigsten wird direktes Komposit verwendet, weil es additiv, reversibel und leicht anzupassen ist. Es kann als Übergang dienen oder als mittelfristig definitive Versorgung bleiben. Alternativ sind laborgefertigte Aufbauten oder Veneers möglich. Rechnen Sie bei Komposit mit Verschleiß, Randverfärbungen und Frakturen, die Reparaturen erfordern; die Überlebensdaten liegen je nach Studie bei mehreren Jahren.
Was passiert, wenn sich der Biss nicht vollständig schließt?
Eine vollständige Rückkehr der Seitenzahnkontakte ist häufig, aber nicht garantiert: In der Metaanalyse von Fan et al. (2026) schloss sich die Okklusion bei 10,0 % nur teilweise und bei 0,6 % gar nicht. Einzelne fehlende Kontakte können Sie mit direktem Komposit oder Teilkronen ergänzen, wie bei einer Versorgung in erhöhter Vertikale. Deshalb gehört diese Möglichkeit von Anfang an in die Aufklärung.



