Okklusionskonzept mit Eckzahnführung: stabile Zentrik in der Praxis

Statische und dynamische Okklusion als ein Konzept: natürliche Kontaktmuster, Eckzahnführung oder Gruppenführung, Gleithindernisse und die Kontrolle am Patienten.

22. Oktober 202610 Min. Lesezeit1.843 Wörter
Gipsmodelle eines vollständigen Ober- und Unterkiefers in Okklusion, seitlich gesehen, auf einer weißen Laborbank
Inhaltsverzeichnis
  1. Warum Okklusion in der Zahnmedizin ein Konzept braucht
  2. Stabile Zentrik: wie natürliche Kontakte aussehen
  3. Was die stabile Zentrik bei Restaurationen gefährdet
  4. Eckzahnführung, Gruppenführung, balancierte Okklusion
  5. Das Prinzip der gegenseitigen Schutzfunktion
  6. Was die Studien zur Eckzahnführung zeigen
  7. Natürliche Gebisse folgen nicht einem einzigen Schema
  8. Muskelaktivität
  9. Langzeitverhalten
  10. Wie steil darf die Eckzahnführung sein?
  11. Gleithindernisse erkennen und vermeiden
  12. Eckzahnführung prüfen und übertragen: Ablauf
  13. Fazit
  14. Häufige Fragen

Eine Eckzahnführung allein macht noch kein Okklusionskonzept: Sie funktioniert nur, wenn die Seitenzähne in der Zentrik stabil abstützen und bei jeder Exkursion sofort freikommen. Dieser Beitrag beschreibt, wie natürliche statische Kontakte verteilt sind, wann Eckzahnführung und wann Gruppenführung sinnvoll ist und welche Kontakte Sie bei Restaurationen vermeiden sollten. Am Ende steht ein Ablauf, mit dem Sie Führung und Zentrik in der Praxis prüfen und auf neue Versorgungen übertragen.

Warum Okklusion in der Zahnmedizin ein Konzept braucht

Solange Sie eine einzelne Krone in eine beschwerdefreie Okklusion einpassen, gibt das vorhandene Gebiss die Regeln vor. Sobald Sie aber mehrere Seitenzähne, Eckzähne oder Frontzähne neu versorgen oder die Bisslage ändern, gestalten Sie die Okklusion selbst. Wer dann ohne Konzept arbeitet, bekommt Stückwerk: Jede Restauration wird für sich eingeschliffen, bis sie "nicht mehr stört", und am Ende weiß niemand mehr, welcher Zahn eigentlich führt.

Ein Okklusionskonzept beantwortet vor der Präparation zwei Fragen:

  • Statische Okklusion: Wo, wie viele und wie große Kontakte sollen in der Zentrik entstehen?
  • Dynamische Okklusion: Welche Zähne führen den Unterkiefer bei Seit- und Vorschub, und welche Zähne müssen dabei sofort trennen?

Dr. Hajtó orientiert beide Teile an der Natur, also an dem, was unbehandelte, funktionell gesunde Gebisse zeigen. Die Eckzahnführung ist dabei der dynamische Teil, die stabile Zentrik der statische. Das eine funktioniert ohne das andere nicht.

Stabile Zentrik: wie natürliche Kontakte aussehen

Eine Untersuchung an 100 unbehandelten oder kaum behandelten Gebissen (End 1996) beschreibt die physiologische statische Okklusion mit einigen Merkmalen, die Dr. Hajtó als Maßstab für Restaurationen verwendet:

  • Die Kontakte entstehen gleichzeitig auf beiden Seiten.
  • Sie sind klein und punktförmig, nicht flächig, und liegen auf konvexen Kontaktzonen.
  • Pro Seitenzahnquadrant finden sich im Mittel etwa 10 Kontakte (6 bis 14), im Frontzahnbereich deutlich weniger.
  • In der Front besteht nur ein leichter Berührungskontakt.
  • Die oberen seitlichen Schneidezähne haben in der Regel keine statischen Kontakte.
  • Der Großteil der Kontakte liegt an den inneren Abhängen der tragenden Höcker; Randleisten tragen nur einen kleinen Teil.

Dazu kommt ein funktioneller Spielraum, im angloamerikanischen Raum als "freedom in centric" oder "long centric" bekannt. Der Unterkiefer kann sich unter gleitendem Zahnkontakt minimal nach vorn bewegen, ohne dass sich die Höhe ändert. Das heißt nicht, dass Kauflächen plan sein sollen. Gemeint ist ein kleiner Freiraum, der nicht durch zu steile Höckerabhänge oder Vorkontakte in der Front blockiert wird.

Was die stabile Zentrik bei Restaurationen gefährdet

Der funktionelle Spielraum geht typischerweise verloren durch:

  • eine zu steile Frontzahnführung,
  • zu dicke Palatinalflächen an Frontzahnkronen oder Veneers,
  • tief "verschlüsselte" Okklusalkontakte mit zu steilen Höckern und zu tiefen Fissuren,
  • Vorkontakte in der Front.

Auch Randleistenkontakte sind im natürlichen Gebiss eher die Ausnahme: In der Untersuchung von End entfielen im Oberkiefer nur rund 9 Prozent der Kontakte auf Randleisten. Dr. Hajtó plant deshalb so wenige Randleistenkontakte wie möglich und dafür klare Höcker-Fossa-Kontakte.

Eckzahnführung, Gruppenführung, balancierte Okklusion

Bei der dynamischen Okklusion unterscheidet man im Wesentlichen drei Schemata:

SchemaArbeitsseiteMediotrusionsseiteEinsatz
Eckzahnführung (Front-Eckzahn-Führung)nur die Eckzähne führenkeine KontakteStandard für festsitzende Versorgungen mit belastbarem Eckzahn
GruppenführungEckzahn plus Prämolaren, evtl. mesialer Molarenhöckerkeine Kontaktegeschwächter oder abradierter Eckzahn, vorhandenes Muster des Patienten
Balancierte Okklusionmehrere ZähneKontakte vorhandenvor allem Totalprothetik

Die balancierte Führung kann funktionieren, ist im festsitzenden Zahnersatz aber technisch kaum sauber umzusetzen. Für Kronen, Teilkronen und Veneers bleibt sie deshalb die Ausnahme.

Das Prinzip der gegenseitigen Schutzfunktion

Bei der Front-Eckzahn-Führung schützen sich Front- und Seitenzähne gegenseitig. In der Zentrik tragen die Seitenzähne die Last, die Front berührt nur leicht. In jeder exzentrischen Bewegung übernehmen Eckzähne und Schneidezähne die Führung, und die Seitenzähne trennen sofort. So bleiben die Seitenzähne in der Exkursion ohne Kontakt.

Die Eckzahnführung verläuft bei einer Angle-Klasse-I-Verzahnung von mesial nach distal über die Palatinalfläche des oberen Eckzahns. Daraus ergibt sich eine wichtige Planungsregel: Distal am oberen Eckzahn und mesiopalatinal am ersten oberen Prämolaren sollen weder statische noch dynamische Kontakte entstehen, sonst wird die Führung dort blockiert.

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Was die Studien zur Eckzahnführung zeigen

Natürliche Gebisse folgen nicht einem einzigen Schema

Die systematische Übersicht von Abduo, Tennant und McGeachie (2013, 12 Studien) zeigt, dass das Führungsmuster vom Ausmaß der Seitbewegung abhängt. Bei voller Exkursion ist die Eckzahnführung häufiger, bei kurzer Exkursion die Gruppenführung. Mit zunehmendem Alter nimmt die Eckzahnführung ab. Klasse-II-nahe Gebisse zeigen eher Eckzahnführung, Klasse-III-Gebisse eher Gruppenführung. Einen Zusammenhang zwischen Führungsmuster und CMD fanden die eingeschlossenen Studien nicht.

Kulmer und Mitarbeiter (1999) haben an 34 Modellpaaren unbehandelter Jugendlicher die Neigung der Führungsflächen gemessen. Die Neigungen nehmen von den mittleren Schneidezähnen bis zu den zweiten Molaren kontinuierlich ab, und die Führungsflächen der Frontzähne sind fast doppelt so lang wie die der Seitenzähne. Die Autoren sprechen von einer sequenziellen Führung mit Front-Eckzahn-Dominanz. Für Restaurationen heißt das: Die inneren Höckerabhänge der Seitenzähne müssen nach posterior flacher werden, damit die Front die Seitenzähne tatsächlich trennen kann.

Muskelaktivität

Mehrere EMG-Studien beschreiben, dass die Disklusion der Seitenzähne durch die Front die Aktivität der Kieferschließer deutlich senkt (Williamson und Lundquist 1983). Manns und Mitarbeiter (1987) verglichen bei sechs Probanden mit Aufbissschienen Gruppenführung und Eckzahnführung. Beide senkten die Aktivität gegenüber der Zentrik, die Eckzahnführung jedoch deutlich stärker, vor allem am Temporalis der Mediotrusionsseite.

Langzeitverhalten

Die zweite Übersicht von Abduo und Tennant (2015, 26 Studien) fand weniger EMG-Aktivität beim Pressen mit Eckzahnführung, aber beim Kauen keinen Unterschied. In den Langzeitstudien unterschieden sich Eckzahnführung und Gruppenführung weder im Patientenkomfort noch in der Haltbarkeit der Restaurationen; Patienten adaptieren an beide Schemata.

Daraus folgt eine pragmatische Haltung: Die Eckzahnführung ist der Standard, weil sie sich im Labor und am Patienten einfach herstellen und prüfen lässt und die Seitenzähne entlastet. Die Gruppenführung ist eine gleichwertige Alternative, wenn der Eckzahn die Führung nicht tragen kann oder der Patient sie seit Jahren beschwerdefrei hat.

Wie steil darf die Eckzahnführung sein?

Steile Führungen sind nicht automatisch besser. Eine zu steile Eckzahn- oder Frontzahnführung und ein Tiefbiss engen den funktionellen Spielraum ein und zwingen den Unterkiefer in eine enge Bewegungsbahn. Die Kaufunktion läuft inkursiv ab, also von außen in die Zentrik hinein; eine zu steile Führung steht dieser Bewegung im Weg. Bei Eckzahnführungen steiler als etwa 60 Grad beschreibt Dr. Hajtó ein "Tapping"-Muster der Kieferbewegung.

Für die Praxis bedeutet das:

  • Die Führung nur so steil gestalten, wie es für die Disklusion der Seitenzähne nötig ist.
  • Bei direkten Eckzahnaufbauten aus Komposit die Führungsfläche konkav formen und die Steilheit so einstellen, dass sie für den Patienten angenehm ist.
  • Der Eckzahn soll seinen zentrischen Kontakt nicht verlieren; Dr. Hajtó lässt dort nur minimal Luft und kontrolliert das mit Shimstock.
  • Für die Okklusionsschiene gilt im Labor eine eher flache, glatte und ausreichend lange Eckzahnführung von etwa 5 bis 8 mm.

Damit die Seitenzähne trotz flacher Führung frei kommen, braucht es einen ausreichenden transversalen Überbiss, vor allem bei Zahn-zu-Zahn-Beziehungen im Seitenzahnbereich.

Gleithindernisse erkennen und vermeiden

Gleithindernisse sind Kontakte, die die geplante Führung stören. Man unterscheidet:

  • Arbeitsseite: Kontakte an Prämolaren oder Molaren, die bei Eckzahnführung eigentlich trennen sollten (Laterotrusionskontakte, Arbeitsvorkontakte).
  • Mediotrusionsseite: Balancekontakte, im Extremfall Hyperbalancen.

Solche Störkontakte begünstigen Abrasionen sowie Frakturen von Zähnen und Restaurationen. Bei den oberen seitlichen Schneidezähnen sollen zudem keine dynamischen Kontakte auftreten.

Ihre Bedeutung für CMD sollten Sie realistisch einordnen. Agerberg und Sandström (1988) fanden bei 88 und 89 Prozent funktionell gesunder Jugendlicher und junger Erwachsener mindestens einen Kontakt, der üblicherweise als Interferenz gilt. Le Bell und Mitarbeiter (2002) brachten bei Frauen künstliche Interferenzen ein: Probandinnen ohne CMD-Vorgeschichte adaptierten gut, Probandinnen mit CMD-Vorgeschichte zeigten signifikant mehr klinische Befunde. Die Übersicht von Manfredini und Mitarbeitern (2017) fand insgesamt keinen klinisch relevanten Zusammenhang zwischen Okklusionsmerkmalen und CMD; am ehesten waren Mediotrusionsinterferenzen mit CMD assoziiert, ohne dass daraus eine Ursache folgt. CMD ist multifaktoriell. Für Restaurationen bleibt die Regel trotzdem klar: Mediotrusionskontakte gehören nicht in neuen Zahnersatz.

Eckzahnführung prüfen und übertragen: Ablauf

  1. Screening: Vor größeren Versorgungen klären Sie mit einem CMD-Kurzbefund, ob funktionelle Befunde vorliegen, die zuerst abgeklärt werden müssen.
  2. Registrieren und montieren: Registrieren Sie die Kieferrelation, bei Bedarf in zentrischer Kondylenposition mit einem Frontzahn-Jig, und übertragen Sie das Oberkiefermodell mit dem Gesichtsbogen in den Artikulator.
  3. Ist-Zustand analysieren: Im Artikulator und im Mund prüfen, welche Zähne bei Seitschub und Vorschub führen und ob Arbeits- oder Mediotrusionskontakte bestehen.
  4. Statik und Führung im Wax-up planen: Kontakte als Höcker-Fossa-Kontakte, Höckerneigungen nach posterior flacher werdend, Spee- und Wilson-Kurve kontrollieren, Eckzahnführung mit klarer Disklusion. Bei großen Fällen eignet sich ein digitales Planungs-Wax-up.
  5. Im Provisorium testen: Die geplante Führung im Mock-up oder Langzeitprovisorium tragen lassen und anpassen, bis sie angenehm ist.
  6. Klinisch kontrollieren: Statische Kontakte mit dünner Okklusionsfolie, dynamische Kontakte mit Artikulationsseide oder zweifarbigem Papier markieren. Eine dünne Folie zwischen den Seitenzähnen, die Sie während der Seitbewegung herausziehen, zeigt taktil, ob die Seitenzähne trennen. Details zu Materialien und Technik finden Sie im Beitrag zu Okklusionsfolie und Shimstock.
  7. Definitiv übertragen: Die erprobte Führung aus dem Provisorium in die definitive Versorgung übernehmen und nach dem Eingliedern erneut prüfen.

Fazit

Ein Okklusionskonzept mit Eckzahnführung verbindet eine stabile Zentrik mit gleichzeitigen, kleinen Kontakten im Seitenzahnbereich und einer Front-Eckzahn-Führung, die alle Seitenzähne in der Exkursion sofort trennt. Die Führung sollte nur so steil sein wie nötig; Mediotrusionskontakte, Kontakte an den oberen seitlichen Schneidezähnen und Blockaden distal am Eckzahn gehören vermieden. Gruppenführung ist eine gleichwertige Alternative, wenn der Eckzahn die Führung nicht tragen kann. Planung, Registrierung und Einschleifen am Patienten üben Sie in der CMD-Fortbildung in Feldkirchen.

Häufige Fragen

Was versteht man unter Eckzahnführung?

Bei der Eckzahnführung führen bei einer Seitbewegung des Unterkiefers nur die oberen und unteren Eckzähne der Arbeitsseite. Alle Seitenzähne trennen sofort, auf der Arbeitsseite ebenso wie auf der Mediotrusionsseite. Zusammen mit der Schneidezahnführung beim Vorschub spricht man von Front-Eckzahn-Führung: Die Front schützt die Seitenzähne in der Exkursion, die Seitenzähne schützen die Front in der Zentrik.

Ist Eckzahnführung besser als Gruppenführung?

Für Patientenkomfort und Haltbarkeit von Restaurationen zeigen Übersichtsarbeiten keinen Unterschied, Patienten adaptieren an beide Schemata. Die Eckzahnführung geht mit geringerer Aktivität der Kaumuskulatur beim Pressen einher und ist einfacher herzustellen und zu kontrollieren. Deshalb gilt sie als Standard bei festsitzenden Versorgungen. Gruppenführung ist sinnvoll, wenn der Eckzahn die Führung nicht allein tragen kann oder der Patient sie seit Jahren beschwerdefrei hat.

Was ist eine stabile Zentrik?

Eine stabile Zentrik bedeutet gleichzeitige, kleine und punktförmige Kontakte auf beiden Seiten, im Seitenzahnbereich im Mittel etwa 10 pro Quadrant, und nur leichte Berührung in der Front. Die oberen seitlichen Schneidezähne tragen normalerweise keine statischen Kontakte. Ein kleiner funktioneller Spielraum erlaubt dem Unterkiefer, unter gleitendem Kontakt minimal nach vorn zu gleiten, ohne auf steile Höcker oder Frontvorkontakte zu treffen.

Wie prüfe ich die Eckzahnführung am Patienten?

Lassen Sie den Patienten aus der Zentrik zur Seite gleiten und beobachten Sie, welche Zähne Kontakt haben. Artikulationsseide oder zweifarbiges Papier markiert die dynamischen Kontakte. Eine dünne Okklusionsfolie zwischen den Seitenzähnen, die Sie während der Bewegung herausziehen, zeigt, ob sie trennen: Hält die Folie, besteht ein Gleithindernis. Ergänzend analysieren Sie die Führung an montierten Modellen im Artikulator.

Kann eine zu steile Eckzahnführung Probleme machen?

Ja. Eine zu steile Eck- oder Frontzahnführung und ein Tiefbiss engen den funktionellen Spielraum ein und behindern die inkursive Kaubewegung. Bei Eckzahnführungen steiler als etwa 60 Grad beschreibt Dr. Hajtó ein Tapping-Muster der Kieferbewegung. Planen Sie die Führung deshalb nur so steil, wie es für die Disklusion der Seitenzähne nötig ist, und testen Sie sie im Provisorium.

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