Stiftaufbau: wann ein Stift nötig ist und welches E-Modul passt

Nicht jeder wurzelgefüllte Zahn braucht einen Stift. Wann der Stiftaufbau nötig ist, warum Dr. Hajtó bei wenig Restdentin Titan wählt und wie die Befestigung gelingt.

6. November 202610 Min. Lesezeit1.841 Wörter
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Inhaltsverzeichnis
  1. Was den wurzelbehandelten Zahn schwächt
  2. Wann ein Stiftaufbau nötig ist
  3. Die Rolle der Ferrule
  4. Das E-Modul: Dentin, Glasfaser und Metall im Vergleich
  5. Ist ein dentinähnliches E-Modul ein Vorteil?
  6. Glasfaserstift oder Titanstift
  7. Entscheidungsweg im Überblick
  8. Bohrung und Befestigung Schritt für Schritt
  9. Abrechnung nach GOZ in Kürze
  10. Zusammenfassung
  11. Häufige Fragen

Ein Stiftaufbau soll den Aufbau eines wurzelbehandelten Zahnes verankern, nicht die Wurzel verstärken. Wer das trennt, setzt deutlich weniger Stifte und wählt das Material bewusster. Nach diesem Artikel wissen Sie, ab wie viel fehlendem Restdentin ein Stift nötig ist, was das E-Modul von Dentin, Glasfaser- und Metallstiften tatsächlich bedeutet, warum Dr. Hajtó bei wenig Restdentin Titan statt Glasfaser verwendet und wie Bohrung und adhäsive Befestigung ablaufen.

Was den wurzelbehandelten Zahn schwächt

Lange galt die Regel, jeder wurzelgefüllte Zahn brauche einen Stift, weil avitale Zähne austrocknen und spröde würden. Die Daten stützen das nicht. Sedgley und Messer (1992) verglichen 23 wurzelbehandelte Zähne, im Mittel 10,1 Jahre nach der Behandlung, mit den vitalen Gegenzähnen derselben Patienten: Scherfestigkeit, Zähigkeit und Bruchlast unterschieden sich nicht signifikant, nur die Härte des vitalen Dentins lag um 3,5 % höher. Die systematische Übersicht von Dietschi und Kollegen (2007) fand ebenfalls nur vernachlässigbare Veränderungen von Feuchtigkeit und Zusammensetzung nach Vitalitätsverlust; die Festigkeit sinkt vor allem proportional zum Verlust koronaler Zahnsubstanz.

Wie stark dieser Substanzverlust wirkt, haben Reeh, Messer und Douglas (1989) an 42 Prämolaren gemessen. Die endodontische Behandlung selbst senkte die relative Höckersteifigkeit um 5 %, eine okklusale Kavität um 20 %, eine MOD-Kavität im Mittel um 63 %. Den größten Anteil hatte der Verlust der Randleisten.

Daraus folgt der Grundsatz, den Dr. Hajtó lehrt: Ein Stift wird nicht gesetzt, um die Wurzel zu stabilisieren, sondern um einen Aufbau zu halten, der ohne ihn nicht sicher hält. Nicht jeder wurzelgefüllte Zahn braucht deshalb einen Stift.

Wann ein Stiftaufbau nötig ist

In Dr. Hajtós Konzept entscheidet das verbliebene koronale Dentin. Sind drei oder vier Kavitätenwände erhalten, verankert ein adhäsiv befestigter Kompositaufbau ausreichend, und ein Stift ist nicht nötig. Erst wenn weniger Wände stehen, braucht der Aufbau eine Verankerung im Kanal.

Gegen einen Stift sprechen außerdem eine undichte Wurzelfüllung und ein periapikaler Prozess. Beides wird zuerst gelöst, bevor ein Stift die Revision erschwert.

Die klinischen Daten stützen den Zusammenhang zwischen Restdentin und Prognose. Ferrari und Kollegen (2007) teilten 240 Prämolaren nach der Menge des koronalen Restdentins in sechs Gruppen zu je 40 Zähnen ein; in der Hälfte jeder Gruppe wurde zufällig ein Glasfaserstift gesetzt, alle Zähne erhielten eine Krone. Nach zwei Jahren senkte der Stift das Misserfolgsrisiko signifikant. Ein erhöhtes Risiko hatten die beiden Gruppen ohne erhaltene Wände, und zwar sowohl mit als auch ohne umlaufenden Dentinkragen.

Die Rolle der Ferrule

Die Ferrule, also ein umlaufender Dentinkragen oberhalb des Kronenrandes, ist für den Halt der Gesamtkonstruktion wichtiger als der Stift. Sorensen und Engelman (1990) zeigten, dass schon 1 mm koronale Zahnsubstanz oberhalb des Kronenrandes die Bruchfestigkeit wurzelbehandelter Zähne deutlich erhöht. Magne und Kollegen (2017) prüften wurzelbehandelte Rinderschneidezähne mit 2 mm Ferrule unter zyklischer Last: Mit Ferrule hielten die Zähne signifikant mehr Zyklen aus als ohne, ein zusätzlicher Glasfaserstift brachte keinen Vorteil, und ohne Ferrule konnte der Stift das Defizit nicht ausgleichen.

Dr. Hajtó strebt die Ferrule deshalb immer an. Fehlt sie, ist ein Glasfaserstift für ihn kontraindiziert. Ein adhäsiv befestigter Titanstift kann je nach Situation auch ohne Ferrule funktionieren, aber nur bei konsequent korrekter Adhäsivtechnik. Wie Sie dabei den Kronenrand in Bezug auf die biologische Breite planen, beschreibt der Artikel zu Präparationsgrenze und biologischer Breite.

Das E-Modul: Dentin, Glasfaser und Metall im Vergleich

Das Elastizitätsmodul beschreibt die Steifigkeit eines Werkstoffs. Glasfaserstifte werden oft damit beworben, dass ihr E-Modul dem des Dentins ähnelt und Spannungen deshalb gleichmäßiger in die Wurzel geleitet würden. Die Zahlen zeigen zunächst, dass der Unterschied real ist:

MaterialWertQuelle
Dentin, Elastizitätsmodul20 bis 25 GPaKinney et al. 2003 (kritische Neubewertung der Literatur)
Wurzeldentin, Biegemodul17,5 GPaPlotino et al. 2007 (Dreipunktbiegeversuch)
Faserverstärkte Stifte, Biegemodulab 24,4 GPa (Silikafaserstift)Plotino et al. 2007
Metallstifte, Biegemodulbis 108,6 GPa (Edelstahl)Plotino et al. 2007

Plotino und Kollegen folgerten, dass faserverstärkte Stifte dem Dentin im E-Modul deutlich näher kommen, während Metallstifte wesentlich steifer sind. Asmussen und Kollegen (1999) fanden Zirkonoxidstifte sehr steif und fest, ohne plastisches Verhalten; Titanstifte waren ebenso fest, aber weniger steif, Karbonfaserstifte am wenigsten steif und fest. Kinney und Kollegen weisen zudem darauf hin, dass Dentin viskoelastisch ist: Unter Dauerlast sinkt sein wirksamer Modul auf etwa 12 GPa.

Ist ein dentinähnliches E-Modul ein Vorteil?

Diese Frage stellt Dr. Hajtó bewusst. Die erste randomisierte Langzeitstudie dazu stammt von Naumann und Kollegen (2017). Sie versorgten 91 Patienten mit stark zerstörten wurzelbehandelten Zähnen mit höchstens zwei Restwänden entweder mit einem konischen Glasfaserstift (45) oder einem Titanstift (46), jeweils selbstadhäsiv befestigt, mit Kompositaufbau und 2 mm Ferrule. Nach 132 Monaten waren 12 Glasfaser- und 7 Titanversorgungen ausgefallen. In der Glasfasergruppe traten vier Wurzelfrakturen auf, in der Titangruppe eine; die kumulative Überlebenswahrscheinlichkeit lag bei 58,7 % (Glasfaser) und 74,2 % (Titan). Die Autoren schließen, dass die Steifigkeit des Stiftes das Überleben nicht beeinflusst. Der dentinähnliche Stift brachte also keinen messbaren Vorteil.

Dazu passt die frühere Beobachtungsstudie von Naumann und Kollegen (2005): Von 105 Glasfaserstiftversorgungen waren nach zwölf Monaten 3,8 % und nach 24 Monaten 12,8 % ausgefallen, häufigster Grund war die Stiftfraktur.

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Glasfaserstift oder Titanstift

Beide Materialien haben ein typisches Profil, das sich auch in Laborversuchen zeigt. Cormier und Kollegen (2001) fanden bei einem Metallstiftsystem mit Aufbau die höchsten Bruchlasten, aber viele ungünstige Zahnfrakturen; Faserstifte ließen sich nach dem Versagen dagegen leicht entfernen.

KriteriumTitanstiftGlasfaserstift
Mechanische Stabilitäthöhergeringer
Stiftfrakturseltenerhäufiger
Risiko katastrophaler Wurzelfrakturenhöhergeringer
Entfernung bei Revisionaufwendigersehr einfach
Farbemetallischzahnfarben

Dr. Hajtós Schlussfolgerung für die Praxis ist eindeutig: Bei weniger als drei Wänden Restdentin setzt er keinen Glasfaserstift, sondern einen adhäsiv befestigten Titanstift. Zirkonoxidstifte verwendet er nie, weil sie nach einer Fraktur praktisch nicht zu entfernen sind und eine sehr glatte Oberfläche haben.

Auch die Stiftform zählt. Schraubenstifte lehnt er ab. Konische Stifte folgen der Kanalform, halten aber schlechter; parallelwandige Stifte retinieren besser, erfordern aber mehr Substanzabtrag und bergen ein Perforationsrisiko.

Entscheidungsweg im Überblick

BefundVorgehen nach Dr. Hajtó
3 oder 4 Kavitätenwände erhaltenkein Stift, adhäsiver Kompositaufbau
1 oder 2 Wände, Ferrule vorhandenadhäsiv befestigter Titanstift plus Kompositaufbau
keine Wand, aber Ferruleadhäsiv befestigter Titanstift plus Kompositaufbau
keine Wand, keine FerruleGlasfaserstift kontraindiziert; Titanstift je nach Situation, Ferrule anstreben
undichte Wurzelfüllung oder periapikaler Prozesszuerst endodontisch lösen, dann entscheiden

Bohrung und Befestigung Schritt für Schritt

Jede Stiftbohrung kostet Substanz. Der Durchmesser bleibt deshalb so klein wie möglich, die Tiefe so gering wie nötig; in Dr. Hajtós Praxisprotokoll sind es in der Regel 5 bis 7 mm. Ziel ist, dass der Stift apikal möglichst rundum Kontakt zum Dentin hat und nicht zur Guttapercha, ohne dass zusätzlich Substanz geopfert wird. Der Stift muss passiv in die Bohrung gleiten. Am besten wird er direkt nach der Wurzelfüllung unter Kofferdam gesetzt, weil provisorische Verschlüsse undicht werden können.

Die adhäsive Befestigung ist für Dr. Hajtó Pflicht: Ein nicht adhäsiv befestigter Stift destabilisiert eher, als dass er hält. Naumann und Kollegen (2008) zeigten im Labor an Glasfaserstiften in oberen Schneidezähnen, dass eine konventionelle Zementierung simulierten Kaukräften weniger zuverlässig standhielt als adhäsive Verfahren. Sein Ablauf:

  1. Kanal prüfen. Keine Guttapercha- oder Sealerreste an den Wänden, keine Perforation, keine Karies, sauberer Abschluss auf der Wurzelfüllung.
  2. Position und Anzahl festlegen. Den Stift dorthin setzen, wo eine Dentinwand fehlt. Bei zwei Stiften können die Bohrungen weniger tief sein; auf Kollision prüfen.
  3. Kanalwände reinigen. Mit einem diamantierten Schallansatz aufrauen und Guttaperchareste auch aus Spalten entfernen.
  4. Einprobe. Tiefe, Durchmesser und Sitz kontrollieren; bei wenig Dentin sollte der Stift bis auf Stumpfhöhe reichen.
  5. Stift vorbereiten. Der Stift muss vollständig sandgestrahlt sein; danach silanisieren und trocknen lassen.
  6. Konditionieren. Kanal und Kavität mit Phosphorsäure 15 Sekunden ätzen (Total-Etch), gründlich spülen, mit Papierspitzen trocknen, das Dentin leicht feucht lassen.
  7. Adhäsiv auftragen. Das Adhäsivsystem (bei Dr. Hajtó Luxabond Pre-Bond und Luxabond A+B, DMG) mit Endo-Brushes gleichmäßig im Kanal verteilen, Pfützen mit Papierspitzen aufnehmen.
  8. Stift setzen. Dualhärtendes Aufbaumaterial (LuxaCore Z Dual, DMG) mit dünnem Reduzieransatz möglichst tief im Kanal ansetzen und einbringen, den Stift mit den Fingern einsetzen und auf vollständigen Sitz und Luftblasen prüfen.
  9. Aufbauen und härten. 10 bis 15 Sekunden zwischenhärten, den Stumpf ohne Lufteinschlüsse aufbauen, abschließend 60 Sekunden lichthärten.

Danach folgt die Präparation für die Krone, wie im Artikel zur keramikgerechten Kronenpräparation beschrieben. Bei wurzelbehandelten Seitenzähnen mit tiefem approximalem Rand kann vorher eine Kastenbodenelevation nötig sein. Welche Vollkeramik auf dem Aufbau passt, vergleicht der Beitrag Lithiumdisilikat oder Zirkonoxid.

Abrechnung nach GOZ in Kürze

Nach dem Gebührenverzeichnis der GOZ (Punktwert 5,62421 Cent) gelten für den Stiftaufbau:

GOZLeistungPunkte1,0-fach2,3-fach
2195Vorbereitung eines zerstörten Zahnes durch einen Schraubenaufbau oder Glasfaserstift o. Ä. zur Aufnahme einer Krone30016,87 €38,81 €
2180Vorbereitung eines zerstörten Zahnes mit plastischem Aufbaumaterial zur Aufnahme einer Krone1508,44 €19,40 €
2197Adhäsive Befestigung (plastischer Aufbau, Stift, Inlay, Krone, Teilkrone, Veneer etc.)1307,31 €16,82 €

Laut den Abrechnungsbestimmungen ist 2195 neben 2180 berechnungsfähig, beide nur einmal je Zahn und nicht neben den Einlagefüllungen nach 2150 bis 2170. Die Kosten für die Verankerungselemente sind gesondert berechnungsfähig. Faktoren und Begründungen berechnen Sie im GOZ-Rechner.

Zusammenfassung

Ein Stiftaufbau verankert den Aufbau, er verstärkt die Wurzel nicht. Bei drei oder vier erhaltenen Wänden reicht ein adhäsiver Kompositaufbau. Fehlen mehr Wände, setzt Dr. Hajtó einen adhäsiv befestigten Titanstift; ein dentinähnliches E-Modul brachte in der Langzeitstudie keinen messbaren Überlebensvorteil, und ohne Ferrule ist ein Glasfaserstift kontraindiziert. Bohrung so klein und so kurz wie möglich, Befestigung immer adhäsiv, am besten direkt nach der Wurzelfüllung. Das gesamte Vorgehen vom Aufbau bis zur Krone ist Teil des Prothetik-Kurses in Gauting.

Häufige Fragen

Braucht jeder wurzelbehandelte Zahn einen Stift?

Nein. Wurzelbehandelte Zähne werden nicht durch die Endodontie spröde, sondern durch den Verlust koronaler Substanz geschwächt. Ein Stift soll den Aufbau verankern, nicht die Wurzel stärken. Sind drei oder vier Kavitätenwände erhalten, hält ein adhäsiv befestigter Kompositaufbau ausreichend, und jede Stiftbohrung würde nur zusätzlich Dentin kosten.

Ist ein Glasfaserstift besser als ein Titanstift?

Nicht grundsätzlich. Glasfaserstifte sind zahnfarben, dentinähnlich elastisch und leicht zu entfernen, brechen aber häufiger. In einer randomisierten Studie über elf Jahre bei Zähnen mit höchstens zwei Restwänden fielen 12 Glasfaser- und 7 Titanversorgungen aus; die Autoren fanden keinen Einfluss der Stiftsteifigkeit auf das Überleben. Dr. Hajtó setzt bei weniger als drei Wänden Titan ein.

Welches E-Modul hat Dentin im Vergleich zu Stiften?

Für Dentin nennt eine kritische Neubewertung der Literatur einen Elastizitätsmodul von 20 bis 25 GPa. Im Dreipunktbiegeversuch hatte Wurzeldentin einen Biegemodul von 17,5 GPa, faserverstärkte Stifte lagen ab 24,4 GPa, Metallstifte bis 108,6 GPa für Edelstahl. Zirkonoxidstifte sind sehr steif und lassen sich nach einer Fraktur kaum entfernen.

Wie tief muss die Stiftbohrung sein?

So tief wie nötig, nicht so tief wie möglich. Die Tiefe hängt von Zahn, Wurzelanzahl, Kanalform und Restsubstanz ab; in Dr. Hajtós Praxisprotokoll sind es meist 5 bis 7 mm. Der Durchmesser bleibt minimal, und apikal soll der Stift Kontakt zum Dentin haben, nicht zur Guttapercha. Bei zwei Stiften können die Bohrungen kürzer sein.

Muss ein Stift adhäsiv befestigt werden?

Ja, nach Dr. Hajtós Konzept immer. Adhäsiv befestigte Stifte halten besser und dichten besser ab, auch wenn die Verarbeitung aufwendiger ist. In einer Laborstudie hielten konventionell zementierte Glasfaserstifte simulierten Kaukräften weniger zuverlässig stand als adhäsiv befestigte. Am besten setzen Sie den Stift direkt nach der Wurzelfüllung unter Kofferdam.

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